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„Das ist Naherholung vom Feinsten“

Dr. Klaus Sondergeld genießt sein neues Zuhause in Gröpelingen

Dr. Klaus Sondergeld ist vor Kurzem von Schwachhausen nach Gröpelingen gezogen und freut sich über die Vielfalt im Bremer Stadtteil. Der Vorsitzende des Rundfunkrats von Radio Bremen und ehemaliger Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen erzählt uns im Interview von seinen Lieblingsplätzen und wohin er einen guten Freund als Erstes entführen würde.

 

Sie wohnen seit Kurzem in Gröpelingen. Was hat Sie zu dem Umzug in diesen Stadtteil bewogen?

Der Zufall. In einem Immobilienportal entdeckten wir die Neubauwohnung, die unseren Vorstellungen fast hundertprozentig entsprach: mit Blick aufs fortschreitende Alter komplett barrierefrei, unmittelbare Straßenbahnanbindung, Supermarkt, Apotheke, Reinigung, Sparkasse etc. fußläufig bequem erreichbar und doch nicht weit ins Grüne; höchster Energiestandard, gute Raumaufteilung mit separater Küche, in der man raumgreifend kochen kann, ohne den Wohnzimmerteppich zu bekleckern oder gar das Sofa, seriöser Bauträger, angemessener Preis.

Dr. Klaus Sondergeld ist Vorsitzender des Rundfunkrats von Radio Bremen. Foto: Radio Bremen

Welche Plätze haben Sie hier bereits kennen und lieben gelernt?

Da muss ich zunächst mit Gustav Heinemann antworten: Ich liebe meine Frau. Spannend ist der Platz rund um das Denkmal „Zur Schicht“ von Waldemar Otto in der Lindenhofstraße. Ein hagerer Arbeiter strebt der Werft entgegen. Davor hat die Belegschaft der AG Weser Silvester 1983, also am Ende des Jahres, in dem die Werft unterging, in Stein gehauen: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat verloren.“ Und daneben steht seit 1708 der Bauernhof Gäbel – noch heute in Betrieb mit freilaufenden Hühnern mitten in der Stadt – sowie gegenüber noch die Fassade von Sielers Ballhaus. Früher nahmen hier Gröpelinger Ehen ihren Anfang. Ein Blick rundum fällt auf den nahöstlichen Frisör, das Schild des alteingesessenen Fernseh- und Elektrohändlers und die türkische Bäckerei. Eine richtig „knuffige“ Skulptur setzt nicht weit entfernt davon, etwa in der Mitte des fast

Das Denkmal „Zur Schicht“ von Waldemar Otto in der Lindenhofstraße. Foto: ANM

fünf Kilometer langen Grünzugs, den ersten Zugewanderten ein Denkmal: ein bunter alter, über und über bepackter Ford Transit. Auf der Werft und im Stahlwerk sauer verdientes Geld wurde in Mitbringsel verwandelt und im Urlaub in die Heimat transportiert – bis aus „Gastarbeitern“ Mitbürger und Mitbürgerinnen wurden, für deren Kinder und Enkel Bremen längst ihr Zuhause ist.

Das Blockland lädt zu ausgiebigen Fahrradtouren ein. Foto: ANM

Was würden Sie mit einem guten Freund unternehmen, der Sie das erste Mal im neuen Zuhause besucht?

Ich würde ihm ein Fahrrad geben, mit ihm kreuz und quer durch die vielen gepflegten Wohnstraßen mit Bremer Häusern fahren und ihm die vorbildlichen Sanierungsarbeiten an den Brebau-Häusern zeigen. Dann würden wir den Katzensprung über die Bahn machen, durch die vielen Kleingärten am Waller Feldmarksee vorbei ins Blockland. Und wenn die Waden noch wollen, würden wir über Wasserhorst an die Lesum radeln und auf dem Deich entlang bis zum Vegesacker Wehr und auf der anderen Lesumseite, teils an Knoops Park entlang zurück, über Burg dann wieder in den Grünzug bis fast vor die Haustür. Das ist Naherholung vom Feinsten, beliebig unterbrechbar in Kneipengärten.

Im Gröpelinger Zentrum würde ich den Freund anstiften, die Vielfalt der Menschen zu betrachten. Auch er wird vermutlich feststellen, auf welchen Unterschied es wirklich ankommt: auf die soziale Lage nämlich. Und er wird merken, dass Freundlichkeit und Benehmen keine Frage der ethnischen Zugehörigkeit ist.

Wie sieht ein normaler Tagesablauf bei Ihnen aus?

Der entscheidende Vorzug des Rentnerdaseins ist der Schlaf zwischen 6 und 8 Uhr morgens – und die Zeit, die man für die Weser-Kurier-Lektüre und das Reden darüber hat. Ansonsten gibt es keinen „normalen“ Tagesablauf. Denn ich habe die Freiheit, mich am Sonntag hinzusetzen und zu arbeiten (zum Beispiel für das Ehrenamt) – und dafür am Dienstag zu sagen: „Ach, heute ist Sonntag.“ Viel Wert legen wir auf ein täglich frisch zubereitetes Mittagessen – mal von der Köchin, mal vom Koch. Einkaufen und Kochen ist auch so ein Unterfangen, um die Birne unter Strom zu halten.

Das Torhaus Nord in Gröpelingen. Foto: Tjark Worthmann

Sie sind Vorsitzender des Rundfunkrates. Wie stark bindet Sie diese Rolle ein und was macht diese Arbeit für Sie so besonders?

Ein unabhängiger Rundfunk ist ein wesentlicher Teil der Lösung unserer heutigen Probleme. Er hilft, in der modernen Unübersichtlichkeit zu einigermaßen tragfähigen Urteilen und Meinungen zu kommen. Und zwar dank Fakten! Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk stattdessen immer wieder zum Problem gemacht wird, treibt mich um. Zu seiner Stärkung beizutragen, ist mir daher ein wichtiges Anliegen, für das ich mich als Vorsitzender des Rundfunkrats von Radio Bremen einsetzen kann, auch auf ARD-Ebene und darüber hinaus. Da möglichst permanent auf der Höhe der Diskussion zu sein, kostet neben einer Vielzahl an Sitzungen und deren Vorbereitung viel Zeit. Außerdem führt an ausführlicher Programmbeobachtung kein Weg vorbei. Manchmal denke ich, ich müsste mir auch ein Radio ans Fahrrad hängen.

Die regional verankerten Hörfunkwellen sind nämlich das ganz große Pfund der neun Landesrundfunkanstalten in Deutschland, auch der „neuntgrößten“, Radio Bremen. Die enorme Bedeutung des Hörfunks wird oft übersehen oder unterschätzt, weil viele Kritiker und Kritikerinnen, aber ebenso Befürwortende so aufs Fernsehen am Abend fokussiert sind. Aber auch da hat Radio Bremen in letzter Zeit sehr gewonnen und Preise eingefahren. Eine wiedergewonnene Stärke des Senders ist es, junge Hörerinnen und Hörer sowie User zu erreichen, auf Bremen Next und im Internet bei „Funk“, dem Contentnetzwerk von ARD und ZDF. Radio Bremen ist wieder ein Innovationslabor nicht nur für junge Angebote geworden. Das als Gremienmitglied kritisch und unterstützend zu begleiten, ist ein Ansporn. Wenn man dieses Ehrenamt ernst nimmt, macht es auch viel Spaß.

Weitere interessante Informationen zum Thema Rundfunkrat gibt es hier.

Autorenbild Tjark Worthmann

Von Tjark Worthmann

Ich fahre am liebsten mit der Vespa oder der Schwalbe durch unsere schöne Hansestadt und entdecke dabei immer wieder geheime Wege und versteckte Orte.

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